Eindrücklicher Theaterabend über zynische Menschenverachtung

Szene RopeGibt es Menschen, die mehr wert sind als andere? Kann man darüber theoretisch diskutieren, ohne die praktischen Konsequenzen zu verantworten? – Es waren schwerwiegende Fragen, die zum Ende des Schuljahres auf der Bühne des Technischen Schulzentrums verhandelt wurden. In diesem Jahr stand mit „Rope“ an zwei Abenden die Adaption des Films „Cocktail für eine Leiche“ von Alfred Hitchcock auf dem Spielplan. Darin laden Brenda Shaw und Phyllis Morgan zu einer Party, bei der sie Hummer, Torte und Salzstangen auf der Truhe servieren, in der der von ihnen getötete David liegt, der eigentlich auch hätte Gast sein sollen.

Inspiriert zu dieser Tat hat sie ihr ehemaliger Lehrer Rupert Cadell, der bei der Party erneut die Vorteile des Mordes vertritt: „Sehr viele Probleme können damit gelöst werden: die Arbeitslosigkeit, die Armut in der Welt, nach Theaterkarten ewig Schlange stehen“. Seine Ausführungen möchte er, selbst überrascht von den Folgen, nach Aufklärung des Mordes nur als theoretische Überlegungen verstanden wissen.

Die Inszenierung, erstmals als Co-Produktion von Johann Jakob Widmann Schule und Wilhelm-Maybach-Schule (Regie: Carla Schaefer und Holger Eisfelder), konzentriert sich auf die Diskussion dieser Position und macht deren Folgen dadurch besonders deutlich: Von „zynischer Menschenverachtung“ spricht der beste Freund des Toten, während Brenda das Leben weniger privilegierter Menschen für unwichtig, sich selbst aber für brillant genug hält, den „perfekten“, also einen nicht aufklärbaren Mord zu begehen.

GruppenfotoAls Kammerspiel angelegt, bei der die gesamte Aufführung rund um die Truhe mit dem Toten verortet ist, lebt die Inszenierung vor allem von der hervorragenden schauspielerischen Leistung der Darsteller, unter denen die drei Hauptpersonen besonders zu würdigen sind: Jasmin Knupfer verkörpert die Rolle der Brenda Shaw beeindruckend selbstverständlich. Madeleine Ande als Mittäterin Phyllis Morgan ringt sehr glaubhaft mit der Rechtfertigung ihrer Tat. Und bei Bastian Hohlweck als Rupert Cadell weiß der Zuschauer nie, ob er nur einen morbiden Humor hat oder tatsächlich ernst meint, was er als Menschenbild vertritt.

In seinen einführenden Worten hat Regisseur Holger Eisfelder darauf aufmerksam gemacht, dass Hitchcock sich in seinem Film von 1948 mit den Gräueltaten der Nationalsozialisten auseinander gesetzt hat. Entsprechend mahnt im Programmheft Bischof Clemens August Graf von Gaalen in seiner Predigt vom 3.8.1941: „Wenn einmal zugegeben wird, dass Menschen das Recht haben, ‘unproduktive’ Mitmenschen zu töten, dann ist grundsätzlich der Mord an allen unproduktiven Menschen, also an den unheilbar Kranken, den arbeitsunfähigen Krüppeln, den Invaliden der Arbeit und des Krieges, dann ist der Mord an uns allen, wenn wir alt und altersschwach und damit unproduktiv werden, freigegeben.“ Eindringliche Worte zu einem eindrücklichen Theaterabend. (en, Fotos: Katharina Eckstein und Kristina Salfeld)

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