„Wenn man nur eine solche Erfahrung macht, reicht das eigentlich schon für ein ganzes Leben“

Staatsfeind 2Geschichtsunterricht der besonderen Art haben drei Berufsschulklassen der Wilhelm-Maybach-Schule erlebt: Der Zeitzeuge Wolfgang Welsch schilderte vor etwa 80 Auszubildenden seine Erfahrungen als Stasi-Opfer: „An meinem Beispiel drückt sich die ganze Härte des DDR-Unrechtsstaates aus.“ Welsch war nach einem Fluchtversuch 1964 erstmals verhaftet worden und saß insgesamt knapp sieben Jahr in politischer Haft. Der 74-Jährige berichtete von Misshandlungen und Folter in DDR-Gefängnissen, beispielsweise sei er mit einem Totschläger traktiert worden, „da, wo die wichtigsten Organe sitzen“. Nach dem dritten Schlag sei er bewusstlos geworden. Grundlage für die Grausamkeiten im Gefängnis durch Gleichaltrige („die hätten unsere Freunde sein können“) sei die Entmenschlichung der Insassen gewesen. Das habe schon damit begonnen, „dass wir nicht mehr mit Namen angesprochen wurden“.

Welsch wurde 1971 durch die Bundesregierung frei gekauft. Anschließend promovierte er über das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und verhalf über 200 Menschen zur Flucht aus der DDR. Als Fluchthelfer geriet er wieder ins Visier der Stasi und überlebte drei Mordanschläge. Ausführlich erzählte Welsch den Auszubildenden, wie während einer Fahrt nach England auf ihn geschossen wurde. Da dieser Anschlag misslang, sollte ein vermeintlicher Freund, der schon bei der Reise nach England mit dabei war, ihn und seine Familie vergiften.

Nach dem Mauerfall hat Welsch in seiner Stasi-Akte gelesen, dass der vermeintliche Freund vom MfS auf ihn angesetzt worden war. Dieser „Freund“ wurde 1994 wegen Mordversuchs zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. „Wenn man nur eine solche Erfahrung macht, reicht das eigentlich schon für ein ganzes Leben“, nahm Welsch die Antwort auf die Frage vorweg, wie er mit dem Erlebten umgehen könne. „Die einzige Methode, die mich am Leben hielt, war die intensive Verarbeitung dieser Ereignisse, das immer wieder darüber Reden.“ Aufgeben sei für ihn nicht in Frage gekommen.

Welsch hat seine Erlebnisse in der Autobiografie „Ich war Staatsfeind Nr. 1. Als Fluchthelfer auf der Todesliste der Stasi“ dokumentiert, die 2004 unter dem Titel „Der Stich des Skorpion“ verfilmt wurde. Er lebt heute in Sinsheim. (en)

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