Als Kind im KZ – Online-Zeitzeugengespräch mit Garry Fabian

bild1Foto: Dietmar LenczakEigentlich wollte er im Mai persönlich nach Heilbronn ins Technische Gymnasium an der Wilhelm-Maybach-Schule kommen: Garry Fabian, Journalist und Buchautor aus Australien sowie Zeitzeuge des Holocausts. Doch Corona vereitelte dieses Vorhaben. Jetzt konnte Herr Fabian doch noch als Gast in der Schule empfangen werden – über eine Internet-Liveschaltung. Am 14.10.2020 schaute er über Webcam sozusagen in der Heilbronner Schulaula vorbei und die Heilbronner Schülerinnen und Schüler waren gleichsam Besucher in seinem Arbeitszimmer in Melbourne. Den Kontakt stellte Holger Eisfelder zusammen mit Dietmar Lenczak her, beide Geschichtslehrer an der WMS. In einer kleinen Einführung erzählte der gebürtige Stuttgarter Gerhard Fabian davon, wie er 1942 im Alter von acht Jahren in das Ghetto bzw. Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde. Er schilderte den schweren Alltag im Lager, in dem er als Jude keinen Schulunterricht erhielt, sondern u.a. für das Verarbeiten der Kleidung getöteter Wehrmachtssoldaten zuständig war. Seine Großeltern mütterlicherseits und seine Großmutter väterlicherseits wurden nahe Riga und in Litzmannstadt ermordet, während eine seiner Tanten in Auschwitz vergast wurde. Schließlich berichtete er von seiner ersehnten Befreiung durch Panzer der sowjetischen Roten Armee und von seinem Neuanfang in Australien, wohin er 1947 emigrierte. 2002 gab er seine Erinnerungen in dem Band „Blick zurück. Wie ein Stuttgarter Junge das KZ Theresienstadt überlebt hat“ heraus. Garry Fabians deutsche Ahnenreihe reicht Jahrhunderte weit zurück. Daher zögerte er auch 2007 nicht, als es die Möglichkeit gab, die deutsche Staatsbürgerschaft zurückzuerlangen. In einer Gesprächsrunde mit den Schülerinnen und Schülern schlug der 86-Jährige immer wieder eine Brücke, wie er selbst sagt, von der Vergangenheit zur Gegenwart. Es gehe darum, die Gegenwart und die Zukunft zu gestalten, im Bewusstsein der Geschichte und der Verantwortung, die aus ihr erwächst: ein „Nie wieder!“ nämlich – nie wieder Ausgrenzung, Hass, Krieg und Völkermord. Für seine Verdienste um die Erinnerungskultur erhielt Herr Fabian 2014 die Stauffermedaille in Gold. Ein herzlicher Schülerapplaus verabschiedete Garry Fabian in Melbourne bis kommende Woche, wenn er zwei weiteren 13. Klassen der Wilhelm-Maybach-Schule über Internet begegnen und ihnen von seinem Leben erzählen wird. 

[Eis]

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